Sieg in Sicht – aber was dann?

Interview zur Lage auf Sri Lanka

Die Regierung von Sri Lanka meldet große Erfolge im Kampf gegen die tamilische Rebellenorganisation LTTE. Doch die Informationen über den Kriegsverlauf fließen nur spärlich. Und was passiert nach einem Sieg der Regierungstruppen? Welche Angebote kann und will die Regierung den Tamilen machen? Darüber sprach tagesschau.de mit dem Sri-Lanka-Experten Joachim Schlütter.

tagesschau.de: Im Norden Sri Lankas vollzieht sich eine Flüchtlingstragödie – dennoch dringen kaum Informationen nach außen. Wie ist das zu erklären?

Joachim Schlütter: Dieser Krieg ist durch eine gewisse Desinformation gekennzeichnet: Die Zeitungen im Land sind überwiegend regierungsfreundlich oder gleichgeschaltet. Auch die internationale Gemeinschaft tappt weitgehend im Dunkeln. Die wenigen Meldungen deuten aber auf eine menschliche Tragödie hin. Mehrere Zehntausend Menschen sind eingeschlossen. Zwar sind viele schon geflohen. Aber rund zehntausend Kinder sollen in der sogenannten Sicherheitszone in Lagern leben. Tatsächlich handelt es sich dabei um die Kampfzone. Über den Verlauf der Kampfhandlungen können wir nur Vermutungen anstellen.

tagesschau.de: Erleben wir den letzten Akt eines der längsten Bürgerkriege unserer Zeit?

Schlütter: Wir erleben hier einen konventionell geführten Krieg gegen eine Rebellen- bzw. Terroristenorganisation – so die offizielle Definition der LTTE auch in der EU. Als Terrororganisation hat die LTTE überall auf der Insel ihre Kader. Wenn ihre Kommandostruktur und ihre politische Führung durch den Krieg zerschlagen wird, kann es sein, dass niemand mehr die versprengten und gut trainierten LTTE-Kader kontrolliert. Es wird sie dann möglicherweise niemand daran hindern, auszuschwärmen und die Insel weiter zu destabilisieren. Ich rechne nicht damit, dass der Bürgerkrieg mit dem Ende des konventionellen Krieges zu Ende sein wird.

tagesschau.de: Wie ist es denn zu erklären, dass die Armee die hochgerüstete LTTE so in die Enge treiben konnte?

Schlütter: Es gab zwei hochrangige Überläufer, die der Armee ihr Wissen um die strategische Ausrichtung der LTTE, um die Verstecke weitergegeben haben. Beide wurden mit hohen Regierungsämtern belohnt. Ein zweiter Grund war die enorme Aufrüstung des Militärs. Es wurden keine Unkosten gescheut, um die Armee so auszurüsten, dass sie die LTTE besiegen kann. Das sieht man auch an der finanziellen Situation des Landes. Die Regierung verhandelt mit dem IWF über einen Milliardenkredit, es wird eine Wiederaufbausteuer aufgelegt, die Inflationsrate liegt über 20 Prozent. Die Bevölkerung zahlt die Zeche – und das in einer Zeit, wo wegen der Wirtschaftskräfte viele Arbeitskräfte aus dem arabischen Raum zurückkehren müssen und auf den hiesigen Arbeitsmarkt drängen.

Kein Versöhnungsangebot in Sicht

tagesschau.de: Was hat die Minderheit der Tamilen nach einem Ende des Kriegs von der Zentralregierung zu erwarten?

Schlütter: Viele Staaten und Stiftungen haben seit 1948 versucht, Sri Lanka das föderale Prinzip nahezubringen. Inzwischen ist Föderalismus hier ein Schimpfwort. Man vertraut ihm nicht und will eigene Lösungen finden. Aber was die Regierung den Tamilen anbieten will, ist bislang nicht erkennbar. Stattdessen warten auf diejenigen, die aus dem Kriegsgebiet geflohen sind, erst einmal  Auffanglager. Aus denen werden sie so schnell nicht herauskommen.

tagesschau.de: Sie erwarten also kein Versöhnungsangebot?

Schlütter: Die Frage ist, ob dazu der politische Wille besteht. Ein echtes Versöhnungsangebot, das nachhaltig wirken soll, müsste auch eine Teilhabe an der Macht beinhalten. Dazu hat sich die Regierung bislang nicht klar geäußert.

Angst vor Anschlägen bleibt

tagesschau.de: Seit 1948 ist die politische Lage in Sri Lanka vom Bürgerkrieg im Norden geprägt – deswegen gibt es heute sehr weitreichende Sicherheitsgesetze. Wird sich daran etwas ändern?

Schlütter: Keineswegs. Die Tamilen stellen etwa hier in Colombo einen Bevölkerungsanteil von 30 Prozent. Natürlich gibt es den Verdacht, dass sich in den Flüchtlingslagern auch LTTE-Kämpfer befinden. Es wird deshalb sehr schwer sein, die Zügel zu lockern.

tagesschau.de: Auf beiden Seiten sind während des Krieges schwere Menschenrechtsverletzungen begangen worden. Können Sie sich vorstellen, dass das irgendwann aufgearbeitet wird?

Schlütter: Wenn man eine nachhaltige Stabilisierung des Landes will, muss man das aufarbeiten. Nur ist die Beweislage äußerst schwierig, weil es der Regierung gelungen ist, sehr wenig Informationen über den Krieg nach außen dringen zu lassen. Das würde diejenigen, die die Untersuchung nachträglich anstellen würden, vor eine immens schwierige Aufgabe stellen. Aber es ist notwendig.

Widerstand stärker als angenommen

tagesschau.de: Was kann das Ausland in dieser Situation tun?

Schlütter: Da sind beide Seiten sehr zurückhaltend. Die Regierung wähnt sich auf der Siegesstraße, und die LTTE will offenbar ihre menschlichen Schutzschilde nicht ziehen lassen. Die Regierung hat schon vor Wochen behauptet, kurz vor dem Sieg zu stehen. Offenbar ist der Widerstand der LTTE doch erheblich stärker, als angenommen. Deshalb ist auch unklar, wann das Ausland Hilfe anbieten kann. Es ist völlig offen, wann dieser Krieg zu Ende ist.

Die Fragen stellte Eckart Aretz, tagesschau.de

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