Tiger gegen Löwen = Deutschlandfunk =

Über den Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen auf Sri Lanka

Von Kai Küstner

Die Regierungstruppen Sri Lankas haben die Tamilen-Rebellen bis in den Nordosten der Insel zurückgedrängt. Doch der Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen ist damit noch lange nicht gelöst. Der Ursprung des Konflikts lässt sich bis in die britische Kolonialzeit zurückverfolgen. Die damaligen Fehler lassen sich heute nur durch politische Maßnahmen lösen.

Es ist keine Überraschung, dass eine National-Hymne ein Land erstrahlen lässt, als gäbe es hier nur Sonnenschein und Harmonie. Doch mit einem über 25 Jahre währenden Bürgerkrieg ist es äußerst schwer, diese paradiesische Fassade unbesudelt aufrechtzuerhalten. Militärisch tobt dieser Kampf seit 1983, unbewaffnet jedoch schon viel länger:

“Das Problem mit Sri Lanka ist ähnlich gelagert wie in vielen anderen Ländern, wo es eine ethnische Mehrheit und eine ethnische Minderheit gibt. Weil es für die Mehrheit immer Möglichkeiten gibt, Entscheidungen zu treffen, die sich auch auf die Minderheit auswirken. Die Situation gab es zum Beispiel auch in Nordirland, wo die Protestanten ihre Mehrheit einsetzen konnten, um die Katholiken immer zu überstimmen. Was zu einem Terrorismus-Problem geführt hat.”

So der Friedensaktivist und Experte Jehan Perera. Auf Sri Lanka sind es im Grunde die sogenannten Löwen und die Tiger, die sich gegenüberstehen – und mehr als ein Mal wie Raubtiere übereinander hergefallen sind. Auf der einen Seite die Singhalesen, übersetzt: die Löwen – die buddhistische Bevölkerungsmehrheit. Auf der anderen: die Tamilen, die meist hinduistische Minderheit. Für deren Rechte behaupten die sogenannten “Befreiungstiger”, die Tamilen-Rebellen, zu kämpfen.

Zu den Waffen griffen sie in den 80er Jahren. Doch wie so viele Konflikte in Südasien ist auch der auf Sri Lanka ein Vermächtnis der britischen Kolonialzeit, die auf Sri Lanka, damals noch Ceylon genannt, 1948 endete:

“Die Briten hatten in all ihren Kolonien das Prinzip, mit der Minderheit über die Mehrheit zu herrschen. Die Tamilen waren immer diejenigen, die besser in der Kultur, auch in der britischen Kultur verankert waren und sozusagen über die Mehrheit herrschten. Das hat ihnen natürlich nicht immer nur Sympathien eingebracht. Und als die Briten dann gingen, sind dann die entsprechenden Bewegungen entstanden, wo es darum ging, Singhhala als Staatssprache über Nacht wieder einzuführen und alle diejenigen, die die Sprache nicht beherrschten, wurden aus der Verwaltung entfernt. Das heißt also, eine Menge, auch sehr kenntnisreicher Tamilen verloren über Nacht ihre Positionen”,

erklärt der Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Colombo, Joachim Schluetter. Die Sprache – oft drückt sich in ihr offen und klar aus, was unter der Oberfläche an Konfliktpotential brodelt. Offiziell, sagen Beobachter, sei tamilisch zwar mittlerweile wieder anerkannt, aber wirklich in die Tat umgesetzt werde das nicht immer:

“Natürlich werden Tamilen benachteiligt, allein schon durch die Tatsache, dass nach wie vor singhalesisch die Hauptsprache, gerade auch im Bereich der öffentlichen Verwaltung, der Polizei ist. Es gibt die groteske Situation, dass Polizeistationen in Tamilengebieten, in tamilischen Gebieten, mit Polizisten besetzt werden, die nur singhalesisch sprechen können. Und versuchen Sie da, mal eine Anzeige durchzukriegen.”

Dass die Singhalesische Mehrheit – ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung – beziehungsweise deren Regierungen den britischen Spieß umdrehten und die tamilische Minderheit politisch, sprachlich, sozial nicht zu ihrem Recht kommen ließen, bestreitet kaum ein Beobachter. Die Rebellen der LTTE leiten daraus eine Rechtfertigung für ihren bewaffneten Kampf gegen die Regierung ab. Selbstmordattentate, Tötung von Zivilisten und vermutlich auch den Einsatz von Kindersoldaten eingeschlossen. Eine einzige Pressekonferenz hielt Rebellenführer Prabhakaran einst ab, das war im Jahr 2002:

“Unser politischer Kampf für das tamilische Volk begann gewaltlos, mit friedlichen Mitteln. Damals dachten unsere Führer, sie könnten ihre politischen Ziele auf demokratischem Weg erreichen. Doch diese gewaltlose Bewegung wurde militärisch niedergeschlagen. So waren wir gezwungen, zur Selbstverteidigung zu den Waffen zu greifen.”

Selbstverteidigung schien für die Rebellen immer auch zu heißen: Rücksichtslosigkeit – gegen die Zivilbevölkerung, aber auch gegen sich selbst. Jede Menge Legenden rankten sich um die LTTE-Kämpfer, so auch die, dass jeder eine Zyanid-Kapsel bei sich trage, die er zu schlucken bereit sei, um einer Gefangennahme der Regierung zu entgehen.

Der Kampf der Rebellen gegen die Regierungstruppen ist über ein Vierteljahrhundert alt und hat mehr als 70.000 Todesopfer gefordert. Darüber hinaus hat er ein Klima der Angst erzeugt: nicht nur bei ausländischen Touristen, von denen viele zuletzt die Urlaubsinsel offenbar nicht mehr als Perle im Ozean, sondern eher als lebensgefährlich wahrnahmen. Auch bei den Einwohnern der Hauptstadt Colombo, die immer wieder von Anschlägen der LTTE heimgesucht wurde. Aber auch bei den Tamilen in der Hauptstadt:

Das Tamilen-Viertel Wellawatta in Colombo. Der Krieg ist zwar weit weg. Die Kämpfe tobten zuletzt in mehr als 200 Kilometer Entfernung, im Nordosten der Insel. Doch irgendwie ist er auch ganz nah, auch in der Hauptstadt, sagt Friedensforscher Perera:

“Die Menschen werden streng kontrolliert, speziell die Tamilen. Die werden aufgefordert, sich zu registrieren, und auf Verdacht hin festgenommen. Es ist eine schreckliche Zeit, in Colombo ein Tamile zu sein, weil praktisch jeder Tamile unter dem Verdacht seht, der LTTE anzugehören.”

Die Regierung war angetreten, die Rebellen, die LTTE, ein für alle Mal militärisch zu besiegen. Beobachter meinen, dass der nationalistische Präsident Rajapakse für dieses Unterfangen das stillschweigende oder offene Einverständnis der Großen dieser Erde hat: der USA, Chinas, Indiens, Irans, Pakistans.

Wer den Atlas zur Hand nimmt, der sollte gleich die Lupe mit dazunehmen, wenn er nach in Rebellenhand verbliebenen Gebieten auf der Insel sucht. Die Frage, die sich viele stellen, ist nur: Sind die militärischen Erfolge, die die Regierung zuletzt feierte, auch Konfliktlöser?

“Nun, es ist eine Binsenweisheit, und keiner streitet das ab, dass die Lösung eine politische sein muss. Die Regierung hier vertritt die Auffassung, dass militärische Eroberung eine Grundvoraussetzung dafür ist. Sie sehen die LTTE-Rebellen nicht als Verhandlungspartner an. Es geht ihr also darum, das Territorium der LTTE zu erobern”,

so der Sprecher der Vereinten Nation in Colombo, Gordon Weiss.

Die Rebellen kämpften einst für einen eigenen Tamilen-Staat, für unabhängige Gebiete. Davon ist jetzt kaum noch die Rede. Politische Beobachter bringen immer wieder eine föderale Lösung ins Gespräch, unter der sich die Tamilen auf ihrem eigenen Terrain in gewisser Weise selbst verwalten. Irgendwie jedenfalls müssten die Dinge wieder in Bewegung geraten, die Insel in einen Zustand versetzt werden, in dem Tamilen und Singhalesen friedlich zusammen leben, so Joachim Schluetter von der Friedrich-Ebert-Stiftung:

“Eine der wichtigsten Bewegungen wäre, die Tamilen schlicht und einfach an der politischen Macht zu beteiligen, mehr als bisher. Die Sprachschranken zu überwinden. Das kann dadurch geschehen, zum Beispiel, dass tamilische und singhalesische Kinder nicht weiter getrennt werden, wie das bisher häufig geschieht. Das kann dadurch geschehen, dass die englische Sprache, als Brückensprache zwischen den beiden Kulturen auch wieder in Gang gesetzt wird.”

Zuletzt jedoch sprachen die Waffen, und wenn sie es nicht selber taten, wurde über Militärisches geredet. Hauptgesprächsthema muss aber dringend wieder die Politik werden, fordern Experten. Geschieht das nicht, so die Befürchtung, könnten die Tamilen-Rebellen den Krieg als klassischen Guerilla-Kampf weiterführen. Aus dem Dschungel heraus und mit Anschlägen auch in der Hauptstadt. Auch das würde den Traum Sri Lankas, wieder mehr durch leuchtend-gelbe Sandstrände und grüne Palmen aufzufallen als durch die blutige Farbe rot, weiter unerfüllt lassen.

Quelle : Deutschlandfunk

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