Colombos Kriegslogik Von Jochen Buchsteiner

Die Tage “Befreinungstiger von Tamil Eelam”(LTTE), scheint es, sind gezählt. Der Welt wird nichts fehlen,wenn sie als militärische Organisation aufhören zu existieren. Denn die Methoden, mit denen sie in den vergangenen 25 Jahren für einen unabhängigen Tamilenstaat in Sri Lanka kämpften, wurden von vielen Staaten der Welt zu Recht als terroristisch eingestuft. Die Rebellen haben die grausigeWaffedes Selbstmordattentats zum festen Bestandteil moderner Guerrilla-Kriegsführung fortentwickelt. Sie rekrutierten Kindersoldaten, und immer wieder machten sie Zivilisten zu Geiseln ihres Kampfes.

Dass die Befreiungstiger “kurz vor der Niederlage stehen”, wie es Staatspräsident Mahinda Rajapakse am Unabhängigkeitstag ausdrückte, wird kaum noch bestritten. In den vergangenen zweieinhalb Jahren ist die Armee Sri Lankas mit beispielloser Härte gegen sie vorgegangen. Die letzten verbliebenen Rebellen verteidigen inzwischen nur noch ein winziges Gebiet im Nordosten der Insel. Mehr ist nicht übrig geblieben von jenem Staat im Staat, dessen “Hauptstadt” Kilinochchi zehn Jahre lang einem Regierungssitz glich – mit eigenen Behörden, eigener Gerichtsbarkeit und sogar eigenen Autonummernschildern.

Der militärische Erfolg rechtfertigt nach Meinung der Regierung nahezu alle Mittel. Die Soldaten haben sich mit abtrünnigen Tiger-Rebellen verbündet, die Minderjährige unter Waffen zwingen,Terroranschläge verüben und Zivilisten einschüchtern. Auf ihrem Vormarsch im Distrikt Mullativu nimmt die Armee keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Täglich sterben Unbeteiligte im Artilleriefeuer ihrer eigenen Regierung. Unabhängige Beobachter sprechen von mindestens 2000Todesopfern in den vergangenen Wochen. Doch Appelle der Vereinten Nationen oder des Internationalen Roten Kreuzes stoßen in Colombo auf taube Ohren.

Ohne Zweifel missbrauchen die Rebellen ihr wehrloses Fußvolk als menschliche Schutzschilde, aber viele Tamilen verharren auch freiwillig im Kriegsgebiet – aus Angst davor, den singhalesischen Soldaten in die Hände zu fallen. Kaum einer weiß, was hinter den Zäunen der Internierungslager geschieht, die für jene Tamilen eingerichtet wurden, denen die Flucht aus dem Kampfgebiet geglückt ist.

“Der Kampf gegen die tamilischen “Tiger” rechtfertigt nicht alle militärischen Mittel.”

Colombos Kriegslogik, die alle Bemühungen um einen friedlichen Ausgleich außer Kraft gesetzt hat, zersetzt die politische Kultur des Landes. Nicht nur Kritiker der Regierung, sondern auch humanitäre Helfer, die vermeintlich auf der falschen Seite arbeiten, werden mit dem Tod bedroht und gelegentlich mit dem Tod bestraft. Untersuchungen, die von der Regierung Staatspräsident Rajapakse’s eher pflichtschuldig eingeleitet werden, verlaufen meistens im Sande. Der Krieg hat Sri Lankas rechtsstaatliches Fundament in Mitleidenschaft gezogen.

Das zeigt sich auch im Umgang mit der unabhängigen Presse. Im Land akkreditierten Korrespondenten ist der Zugang zum Kriegsgebiet verwehrt. Viele Journalisten, die sich aus dem Ausland um ein Visum bemühen, erhalten keine Einreiseerlaubnis mehr.Für Einheimische ist das Schreiben zu einer lebensbedrohenden Tätigkeit geworden. Zahllose Journalisten werden eingeschüchtert, andere mit Eisenstangen mundtot gemacht. Unlängst ermordete ein Killerkommando den Chefredakteur Lasantha Wickrematunge; ähnlich ist es in den vergangenen drei Jahren laut Amnesty International mindestens dreizehn seiner Kollegen ergangen. Andere bedrohte Journalisten retteten sich unterdessen mit Hilfe westlicher Botschaften ins Ausland.

All dies muss in dies Rechnung einbezogen werden, die Präsident Rajapakse derzeit aufzumachen versucht. Terroristen, so lautet seine verführerische Botschaft, könnten vernichtend geschlagen werden, wenn man sie nur entschlossen genug bekämpfe. Einige westliche Kommentare preisen Sri Lanka schon als Vorbild für den internationalen Antiterrorkampf. Weitsichtig ist das nicht. Schon größere und mächtigere Länder haben einsehen müssen, dass ein’ “Krieg” gegen Terroristen nur dann Erfolg haben kann, wenn die Grenzen eingehalten werden, die das demokratische Selbstbild definieren. Maßloses Vorgehen schwächt die Autorität des Starken und stärkt den Widerstand der Schwachen.

Ob der Triumph über die Rebellen die multiethilische Gesellschaft Sri Lankas dauerhaft befrieden kann, ist daher fraglich. Ein faires poli tisches Angebot dürfen die Tamilen nach dem bevorstehenden Siegfrieden kaum noch erwarten. Was immer Rajapakse – schon um im Ausland Sympathien zurückzugewinnen – vorschlagen wird, es wird weit unter den Zugeständnissen an Autonomie liegen, die in früheren Jahren (unter internationaler Vermittlung) im Gespräch gewesen sind. Auch die Bereitschaft der Tamilen zur Versöhnungund zu einem nationalen Neuanfang dürfte nach dem Blutbad von Mullativu nicht eben gewachsen sein. Vor kurzem zeigte eine Selbstmordattentäterin auf blutige Weise, wohin sich der Kampf der Befreiungstiger nach ihrer militärischen Niederlage entwickeln könnte.

Source : F.A.Z. Frankfurt, 17. Februar. 
Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: