Krieg ohne Zeugen

25 Jahre schon: In Sri Lanka kämpfen Tamilenrebellen gegen Regierungstruppen. Jetzt droht den Aufständischen eine verheerende Niederlage. Sagt die staatliche Propaganda. Die Wahrheit weiß jedoch niemand. Denn keiner darf ins Kriegsgebiet. Gewiss ist nur eins: Die Gefechte sind von größter Brutalität.
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Colombo – Sie hängen überall. Quer durch ganz Sri Lanka. Kriegsbanner: Soldaten mit grimmigem Blick, dicke Patronengürtel um den Leib geschlungen, Maschinengewehre fest in beiden Händen. Kampfjets, Hubschrauber. Was immer die militärische Schatzkiste hergibt, wird den Bürgern stolz präsentiert. Meterhohe Plakate. Die singhalesisch geprägte Regierung in Colombo will es jetzt wissen. Präsident Mahinda Rajapaksa und die Seinen haben zur letzten Schlacht gegen die verhassten Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) geblasen. Deren nicht eben zimperlicher Führer Velupillai Prabhakaran und seine Gefolgsleute streiten seit einem Vierteljahrhundert gewaltsam für einen separaten Tamilenstaat im Norden und Osten der Insel im Indischen Ozean.

Jetzt scheint dieser Krieg in seine entscheidende Phase eingetreten zu sein. Die Tamilen-Rebellen haben in den vergangenen drei Wochen verheerende Niederlagen erlitten. Nur noch 562 Quadratkilometer für die Tamilentiger, hieß es am Dienstag triumphal im Verteidigungsministerium. Freitag hat das Kilometerband die Marke 365 erreicht, Sonntag 300. Die Armee verkündet, nun kontrolliere sie auch die letzte verbliebene Stadt der Tiger, Mullaitivu. Der LTTE soll nur noch ein schmaler Streifen geblieben sein. Das bedeutet Dschungelkampf. Armeechef Sarath Fonseca strotzt vor Kraft. Früher habe er 15 Blatt Papier gebraucht, um das LTTE-Gebiet zu überblicken. “Heute reicht eins.” Soll heißen: Die haben wir bald plattgemacht. Nach seiner Rechnung sind 95 Prozent geschafft. Die Regierung hat den Militäretat dafür auf 20 Prozent des Gesamthaushalts aufgestockt.

“Lobt unsere Soldaten”

Es ist ein Krieg ohne Zeugen. Die Regierung hat so etwas wie einen zweiten Gazastreifen geschaffen. In die Kampfzone zwischen Vavuniya und der Halbinsel Jaffna darf kein unabhängiger Beobachter. Die internationalen Hilfsorganisationen mussten vor Monaten gehen, Journalisten bekommen erst recht keine Genehmigung, sich ein eigenes Bild zu machen.

“Haben Sie gesehen, alle haben den Sieg gefeiert”, strahlt am Morgen der singhalesische Fahrer aus Colombo. Shelton ist 45 und hat aufmerksam Nachrichten geguckt. Soldaten rücken vor, sichern Gelände, immer wieder eingeblendet der von Kugeln arg in Mitleidenschaft gezogene Hinweis auf den Ort des Geschehens: “Elephant Pass”. Das ist die einzige Verbindung zur Halbinsel Jaffna, nach 23 Jahren ist die ganze Hauptverkehrsader A 9 wieder in Regierungshand. Beschwörend hob Rajapaksa, traditionell in weißem Sarong und tiefrotem Schal, in den Fernsehnachrichten wieder und wieder seine Hände: “Lobt unsere Soldaten.” “The Final Countdown” leuchtete es auf dem TV-Schirm. Shelton ist entzückt: “Die Zeitenwende.”

Viele vermuten die Regierung hinter dem Attentat

Aber es gibt auch andere Stimmen. Ein älterer Herr mit weißem Haar schimpft. “Die Regierung ist eine Diktatur. Wenn du was gegen sie sagst, wirst du erschossen. Oder sie sagen, du bist für die LTTE. Nicht einmal die Opposition traut sich, was zu sagen.” Der Mann ist Ingenieur. Sein Name bleibt besser unerwähnt. Gerade erst ist einer der profiliertesten Kritiker des Landes, der Journalist Lasanthe Wickrematunga, Chef des “Sunday Leader”, auf offener Straße in Colombo ermordet worden. Aufgebahrt liegt sein Leichnam auf weißer Seide in einem Meer von Blüten. Im Fernsehen werden entsetzte Stellungnahmen aus allen Winkeln der Erde verlesen, von Robert Wood aus dem State Department, von EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner.

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Keiner sagt es offen, aber viele vermuten die Regierung hinter dem Attentat auf den unbequemen 52-Jährigen, der immer wieder die Grausamkeiten in diesem Krieg anprangerte, auf beiden Seiten. Lasanthe Wickrematunga hat geahnt, dass er seine offenen Worte nicht überleben würde. In seinem Vermächtnis schrieb er, “wenn ich also ermordet werde, wird es die Regierung sein, die mich ermordet hat”. Auch einige Sätze an Mahinda Rajapaksa direkt, den Mann, den er beim Vornamen und einen Freund nannte. “Ich weiß, dass du nach meinem Tod wieder deine Scheinheiligkeiten von dir geben und die Polizei zu gründlichen Ermittlungen aufrufen wirst. Aber wie bei allen vergangenen Ermittlungen wird auch diesmal nichts dabei herauskommen.” Gut ein Dutzend Journalisten ist in den vergangenen Jahren umgebracht worden.

Der deutsche Botschafter Jürgen Weerth sagte auf Wickrematungas Beerdigung: “Heute ist ein Tag, an dem wir sprachlos bleiben. Vielleicht hätten wir zuvor sprechen sollen. Heute ist es zu spät.” Er wurde von der Regierung einbestellt. Weerth hat schon öfter Missfallen über deren Vorgehen ausgedrückt. Ihn schützt der Diplomatenpass. Und sein Dienstherr in Berlin. Am Donnerstag forderte Außenminister Frank-Walter Steinmeier einen Waffenstillstand und Zugang zu den eingeschlossenen Zivilisten im Norden: “Mit militärischen Mitteln allein wird sich der Konflikt nicht lösen lassen.”

Im Norden von Sri Lanka hatten die Befreiungstiger jahrelang de facto einen eigenen Teilstaat aufgebaut. Verwaltung, Polizei, Gericht, Steuerbehörde – es gab komplette parallele innenpolitische Strukturen. Wie weit sie noch funktionieren? Niemand weiß es zu sagen.

Medien verbreiten abenteuerliche Nachrichten

Nicht einmal das Internationale Rote Kreuz durfte bisher nach Kilinochchi, in die ehemalige Rebellenhauptstadt, die am 2. Januar eingenommen wurde. Die Stadt existiert offenbar kaum mehr. “Da ist fast alles kaputt. Jedes zweite Gebäude ist zerstört, die Truppen haben sich brutal vorangebombt”, berichtet einer, der dorthin noch Kontakt hat. Was geht da oben vor?

Medien veröffentlichen Bilder von Toten und verbreiten abenteuerliche Nachrichten. 246 LTTE-Kämpfer sollen von ihren eigenen Leuten ermordet worden sein. Angeblich weil sie so schwer verwundet waren, dass sie nicht mehr fliehen konnten. Am nächsten Tag gibt es einen Bericht von drei LTTE-Leuten, die sich auf die Regierungsseite geschlagen haben. Sie tragen noch die Giftkapseln um den Hals, die sie hätten schlucken sollen, bevor sie dem Feind aus Colombo in die Hände fallen. Regierungssoldaten begrüßen die Männer mit Kokosnüssen.

Es tobt ein Krieg der Bilder. Und viele Menschen lechzen nach den Heldenvideos des “Final Countdown”. Das Fernsehen bringt sie Tag für Tag mit voller Wucht und in epischer Länge in die Wohnzimmer. Acht Millionen Menschen klicken täglich auf die Webseite des Verteidigungsministeriums, frohlocken die Öffentlichkeitsarbeiter der National Security. Und die Gerüchteküche brodelt. Es wird spekuliert, der LTTE-Chef habe sich längst ins Ausland abgesetzt. Sagen sie das, um die Kampfmoral der verbliebenen Tiger zu untergraben? Schließlich lässt sich deren brutaler Oberster kaum öffentlich blicken. Verteidigungsexperten mutmaßen, dass Prabhakaran sich mit seinen besten Kämpfern in einem unterirdischen Bunkersystem verschanzt hat. Haben sie dort auch die Betten, Infusionen und OP-Bestecke des Hospitals hingeschafft, die sie mitgenommen haben sollen, als die Armee das Krankenhaus einnahm, in dem sie sich verbarrikadiert hatten?

Das Rebellengebiet ist vermint – damit leben die Menschen seit Jahren

Vor allem: Wie geht es den Menschen, die im Kampfgebiet zu Hause sind? 200.000 bis 300.000 Zivilisten sind wohl noch dort, menschliche Schutzschilde, auf immer engerem Raum zusammengepresst. Fast jeden Tag eine neue Situation. Einmal legt die Armee eine zehn mal zehn Kilometer große Sicherheitszone fest. Alles andere sei nun Kriegsgebiet. Dann heißt es, LTTE-Kämpfer hätten sich in der Zone versteckt. Schon gibt es neue Überlegungen, ungeheuerliche: Alle Zivilisten sollen durch einen Korridor den Norden verlassen. Rund 50 Camps sollen für die Flüchtlinge wider Willen auf Regierungsterritorium entstehen. Ein Albtraum. Offizielle Begründung: Das Rebellengebiet ist vermint. Nur leben die Menschen damit seit Jahren. Inoffizielle Vermutung: Die Zone soll “gesäubert” werden – und zwar ohne lästige Beobachter. Die Militärs, so befürchten manche, treiben die Zivilisten heraus und drehen jeden Stein um, sehen hinter jeden Baum. Wer dort noch gefunden wird, hat ein Leben gehabt. Will die Regierung Menschen anschließend nach ihren Vorstellungen ansiedeln?

“Auch wir haben jetzt Probleme, dort zu arbeiten”, sagt Harsha Navaratne, der Chef der einheimischen Hilfsorganisation Sewalanka. 60 seiner Leute sind noch in der Region, ihre Familien sind dort zu Hause, sie wollen nicht weg. Und doch hört es sich heute so an, als seien sie dort gefangen. Jetzt machen wir unsere Arbeit, ihr könnt in zwei, drei Wochen eure machen – etwa so haben sie die Armee verstanden. Die scheint berauscht zu sein, wie schnell sie vorangekommen ist.

Navaratne ist abgekämpft. Vier Treffen hat er heute schon hinter sich. Mit Rotem Kreuz, UN und anderen haben sie zusammengesessen und überlegt, wie sie für Flüchtlinge vorsorgen können. “Gestern sind 2000 in Vavuniya angekommen”, sagt er zwischen zwei Schlucken grünem Tee. Das sind nicht wirklich viele. Er hofft, dass maximal 20.000 Menschen fliehen, die Kämpfe schnell enden. “Wenn es 100.000 werden, haben wir ein Problem.”

Wie wird aus Misstrauen Vertrauen?

Niemand kann in den Norden, doch es gibt noch einen anderen Teil des Landes, der früher auch von der LTTE kontrolliert wurde: der Osten. Das Gebiet rund um Trincomalee und Batticaloa hat die Regierung vor anderthalb Jahren “befreit”. Wie sieht es dort heute aus?
Bis Habarane ist Touristengebiet. Dort können Urlauber auf Elefanten reiten. Dann aber steht alle 500 Meter ein Soldat mit Gewehr im Anschlag. Es regnet. Der Fahrer muss sich ausweisen. “Wohin wollen Sie?” Shelton, der Singhalese, sagt, er hat keine Angst, in den Osten zu fahren. Er sagt es jetzt schon zum dritten Mal.

Auf dem Rückweg wird genauer kontrolliert. Bitte aussteigen, Kofferraum öffnen, die Motorhaube – die Motornummer? Wo waren Sie? Warum? Wen haben Sie getroffen? Ein Spiegel auf Rollen erkundet das Auto von unten. Shelton atmet seit Tagen schwer. Er war seit 25 Jahren nicht mehr in Trincomalee. Der Osten ist befreit. Befriedet ist er noch lange nicht. Auch die Hauptstadt Colombo wartet auf eine Normalisierung. Hier steht alle 50 Meter ein Soldat oder Polizist. Nachts auf dem Heimweg von einer Party knipst jeder schon in gebührendem Abstand vor einer Sperre das Licht im Auto an, kurbelt das Fenster runter, kramt den Ausweis raus. Früher haben sich Liebespaare unter den Bäumen am Grünstreifen in der Nähe des Parlaments getroffen, Händchen gehalten und Küsse hinter aufgespannten Schirmen getauscht. Wie fern ist diese kleine Freiheit. Fußgänger sind hier nicht mehr erlaubt. Polizisten mit Hunden stehen vor Sperrgittern.

Wo wird dieses kleine Land, gerade mal so groß ist wie Bayern, im Frieden all seine Uniformierten lassen? Alle gewohnt, der Boss zu sein. Wie wird aus Misstrauen Vertrauen? Das dürfte länger dauern als der Krieg. Und der dauert schon 25 Jahre.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.01.2009)

Tagesspiegel

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